Peter Weißflog (Journalist und Autor)

Peter Weißflog (* 26. September 1953 in Freiberg ; † 28. Februar 2011 in Rostock ) war Journalist und Autor.

Peter Weißflog hat seine ersten Beiträge, Geschichten und Gedichte bereits als Schüler für verschiedene Zeitungen und Verlage geschrieben. Er arbeitete bei der Betriebszeitung des "Fischfang Saßnitz" und später dann bei der Ostsee-Zeitung auf Rügen als Redakteur. Sein Studium zum Journalisten schloß er an der Universität in Leipzig ab. Als Ausgleich zu seiner Arbeit verfasste Peter Weißflog in seiner Freizeit Geschichten für das Magazin, für den Rundfunk und das Fernsehen. Im Februar 2011 verstarb er an den Folgen seiner Krebserkrankung. Seine letzte Arbeit das Buch „Geschichten aus dem Rohr“ umfasst 22 Kurzgeschichten, in denen er eine Art Rückblende auf sein buntes, jedoch viel zu kurzes Leben gibt. Das Buch beendete er nur wenige Wochen vor seinem Tod.

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Vorwort zum Buch "Gechichten aus dem Rohr" (Thomas Hoppe)

Warum soll ich diesem Text etwas voranstellen, der doch davon lebt, dass er mit dem plötzlichen, unvorbereiteten, also mit dem ummittelbaren Auftauchen einer großen tödlichen Gefahr beginnt? Warum ein Vorwort zu einer ergreifenden Abhandlung, die jede Leserin und jeden Leser höchstwahrscheinlich sofort in ihren außergewöhnlichen Bann ziehen wird?

Ein Mann liegt jählings wie gelähmt unter einer alten Nähmaschine und brüllt nach seiner Frau …

Es machen hier nur Vorworte Sinn, die unumwunden jeder und jedem vor Augen führen, der Mann, der dieses Buch verfasste, starb ein paar Tage nachdem er sein Manuskript vollendet hatte.

Der Autor Peter Weißflog war Journalist und ist es im besten Sinne beim Schreiben der nachfolgenden Literatur geblieben. Nicht Fiktion ist sein Thema, nicht das phantasievolle Aufbereiten eines Story-Mixes mit den Wahrheiten vieler Menschen, sondern die eigene, selbst erlebte und schließlich bis zum letzten Atemzug ertragene Realität. Der 57-Jährige führt sie seiner Leserschaft mit einigen versöhnlichen Rückblicken auf sein vergangenes buntes Leben vor, aber auch mittels vieler bitterer, wie komischer Erfahrungen mit Krankheitsfolgen, mit Klinikzimmerkameraden und mit „der angetrauten Liebsten“, sowie mit den besorgten Kindern Nelly und Molly.

Ein letztes Mal gibt so der Reporter eine beeindruckende Probe seines Könnens. „Er malt mit den Worten“, sagt seine Frau Helma.

Peter Weißflog stellt sich im Kräfte zehrenden Kampf gegen den Krebs immer wieder erhebend, aufrechten Hauptes dem unausweichlichen Tod entgegen. Nur ab und zu unterbrochen von der allzu menschlichen, demütigen Frage „Warum gerade ich?“, lässt dieser Mann in seinem Band, den er quasi unter dem Galgen geschrieben hat, wie er den Ständer seines Chemo-Tropfes nennt, viel Wut, Sarkasmus, aber auch Liebe und richtigen Spaß auf seine Leserschaft niederprasseln. Viel Zeit ist ihm nicht geblieben.

Welch‘ menschliche Stärke offenbart der Autor, der in zunehmend auswegloser Situation einen klaren Kopf bewahrt und irgendwie doch an die Nachwelt denkt. Jede und jeder kann dieses Maß für die Kraft des Lebenswillens prüfen, wenn man sich für furchtbare Minuten das eigene Ende vor Augen führt. Der Buchautor stürmte dabei durch die hohen, dunklen Flure der alten Klinik. Auf der Flucht vor der Nachricht, dass er bald tot sei: „Er konnte das Leben ohne sich nicht vorstellen.“

Trotzdem hinterlässt uns Peter Weißflog kein Furcht einflößendes Pamphlet, das Depressionen fördert oder gar Raum bietet für Voyeure des Ablebens. Schlaglichtartig erhellt er dagegen Probleme des Alltags, wie das in einer nagelneuen psychiatrischen Klinik, die der Architekt mit einem 6-Mann-Zimmer und nur einer Toilette ausrüstete. War der Experte vielleicht selbst reif für diese Einrichtung?, fragt der Autor aus dem Bett heraus. Und als er in dem hier umrissenen Jahr bis zum Ende an besseren Tagen aus der eigenen Wohnung ausbricht, muss er bald feststellen, „dass seine Stadt über mehr Banken als Bänke verfügt“.

Doch es wäre nicht der wirkliche Peter Weißflog, wenn er sich nicht noch einmal aufrappeln würde, um leider zum allerletzten Mal seinem Affen Zucker zu geben. Niemand muss sich da schämen, der über jene Zeilen des um seine Nelly besorgten Vaters lauthals lacht, als dieser über die Schuhe eines mutmaßlichen farbigen Schwiegersohns sinniert oder seinen Lesespaß unterdrücken, als der Schwerkranke auf dem Sofa zum „director of TV“ mutiert und dabei seinen Kulturschock beschreibt. Selbst die „Posthörner am Bademantel“ geben den Wilhelm-Raabe-Worten vom Humor als Schwimmgürtel auf dem Strom des Lebens eine anschauliche Bestätigung. Spätestens bis dieser Strom dann versiegt ist und die Tränen der Trauer sozusagen den aschetrockenen Rest wiederum benetzen. Alles fließt.

„Wellchen auf Wellchen rollte heran. Das beruhigendste Geräusch auf der Welt“, schreibt Peter Weißflog auf einer seiner letzten Seiten. Es ist ein Glück, dass er noch die Kraft und letztlich auch die Zeit hatte, dieses Buch uns zu hinterlassen!



Thomas Hoppe

Rostock im April 2011


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Geschichten aus dem Rohr - Peter Weißflog - Leseprobe

Wurst und Weib von der Imbissbude

Mit meckerndem Lachen fuhr er hinein ins Zimmer. Es war wie Vorfreude auf einen Besuch in der Gespensterbahn. Der schiebenden Schwester hinter ihm schien der Auftritt sichtlich peinlich.

„Der Bernd kommt“, schmetterte der kurz geratene, drahtige Mann in den tristen Raum hinein. Triumphierender Zusatz, trompetenartig: „Mit seiner Thrombose!!!“ Als hätte er die Diagnose ehrenhalber erhalten.

Bernd war noch nicht ganz geparkt, da riss er die Bettdecke beiseite und zeigte dem staunenden Publikum stolz seine umwickelten, aber immer noch dünnen Beine.

Auch Nelly, gerade auf Besuch, nutzte den Moment geschickt zum allseitigen Fürsorge-Einsatz und wies den Mann in die Klinik-Gegebenheiten ein: Kofferabstellkapazität zuweisen, Telefonanschluss besorgen, Ohrstöpsel auch, sich um den Essenplan kümmern, schon mal was bestellen. Nelly war in ihrem Element, wurde immer lauter. Bernd dagegen rutschte immer tiefer in sein Kissen, erdrückt von der Anteilnahme. Auch die Scham machte ihn platt. Zumal sie entdeckt hatte, dass er nicht bis zum Ende gewickelt worden war. „Das sieht ja aus wie bei einer Montagsmumie“, stellte sie fest und vollendete das Werk. Fast hätte sie ihn weg gewickelt.

Es war der erste Krankenhausaufenthalt in Bernds nun schon etwas längerem Leben. Er nahm es wie eine Auszeichnung. Im Angelboot hatte es ihn erwischt. Die Beine wurden schwer, ließen sich dann nicht mehr bewegen. Aber er hatte das Handy. Und die Jungs holten ihn per Seenotrettung. „Eine halbe Stunde, und ich wäre bei den Fischen.“ Und hätte somit das ganze Abenteuer verpasst. Wäre doch verdammt schade gewesen.

Eines Tages ging die Tür auf, eine wurzelkleine Vietnamesin schwebte herein und küsste Bernd auf die Stirn, was man allein schon als Zusammenprall der Kulturen hätte werten können. Vielleicht war sie auch aus China. Oder Thailand.

„Oh, das sein nicht gut“, sagte das exotische Wesen, zog einen Staublappen aus der zierlichen Handtasche, bei denen ist wohl alles ein wenig kleiner, und putzte die Fensterbretter. Bernd beobachtete sie vergnügt. Dann kroch sie unter sein Bett, auf Flusensuche. Hielt zarte Faserknäuel mit der Begeisterung eines erfolgreichen Jägers in die Höhe. Fehlt nur noch, dass sie ein Leckerli bekommt, dachte er. „Meine Frau, seit vier Jahren“, erklärte Bernd später. „Die ist gut: Sauber, kocht einwandfrei, will keine Kinder.“

„Du warst in Vietnam?“ Bernd sah ihn an, als wäre er verblödet. Gab es dieses Land wirklich? Nee, mit Vietnam habe fast alles nichts zu tun.

„Dann aus dem Höckermann-Katalog? Mit Rabatt? Sommerschluss?“ Er schien überhaupt nicht beleidigt. Das Leben hatte es noch einfacher gewollt.

Müllmann Bernd, Tonnenschieber, früher auch Aschi genannt, hatte Hunger. Es war späte Mittagszeit in einem Gewerbegebiet der Küstenstadt. Und Bernd kannte eine Imbissbude. Da gab es Thüringer Rostbrätel. Der Besitzer hatte trotzdem Schlitzaugen. Über das mürbe, fast rottige Fleisch hinweg, der Tresen war auch ziemlich hoch, erzählte Bernd nebenbei, dass er schon lange keine Frau mehr in Gebrauch gehabt habe. „Kein gutel Dauelzustand“, bestätigte der Wokmann. Aber seine Frau verfüge über eine derzeit ungedeckte Cousine. „Welden sehen.“

Am nächsten Tag stand die Frau mit gepackten Koffern vor der Tür seiner Plattenbausiedlung. „Geht jetzt nicht“, hatte er gesagt. „Komm in 14 Tagen wieder.“ Und fuhr zum Angel-Urlaub in die Masuren. Nach zwei Wochen klingelte sie erneut. Und blieb. Wischt ansonsten im schwedischen Möbelhaus. „Die sind zufrieden dort“, sagt Bernd. „Sie ist so reinlich.“

Bernd hatte sein Leben lang als Tonnenschlepper bei der Müllentsorgung gearbeitet. Immer im schlimmsten Gebiet, in der Gartenallee. Fast nur Eigenheime. Und alle Behälter hinterm Haus, weit weg von der Straße. „Schlimme Schwuchterei, jedenfalls früher“, sagt Bernd. Von der Abfindung kaufte er sich einen Kleinwagen und neues Angelzeug. Und isst seit vier Jahren mehr Gemüse als früher.

Sie hatten etwas gemeinsam, wusste er. Am Tag, als er 50 wurde, die Welt war noch heil, schlug er die Zeitung auf, und stellte lachend fest, dass das Müllunternehmen der Stadt am gleichen Tag das gleiche Jubiläum wie er beging. Und jetzt selbst Müll, dachte er bitter. Bernd, kipp mich nicht weg, aus, fort. Bitte.

Das Leben konnte bunt sein, das hatte er nicht mehr gewusst. Deutscher Müllmann mit gut entwickelter Thrombose liebt Vietnamesin von der Imbissbude, angelt auf masurischen Seen während sie schwedische Möbelhäuser sauber hält. Und alles funktioniert reibungslos und einfach. Schwermut erfasste ihn.

Sie brachten ihn nachts. Er röchelte. Sie stellten eine Art Sprudelmaschine mit den Ausmaßen einer Mülltonne neben sein Bett. Das Ding blubberte und rauschte wie ein Wasserfall. An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Tagsüber brauchte er den Springbrunnen nicht. Jens, ein schlaksiger junger Mann, verteidigte in seinem sonstigen Leben von einem nahen Birkenhain aus den Hindukusch. Das hatten dort auch schon andere getan.

Manchmal bekam er Besuch. Eine grätendünne Frau, ölige Haare, Frisur wie rückwärts durch eine Hecke gezogen, zwei Kinder, beide lange Haare, gepflegter. Unklar im ersten Moment, welchen Geschlechts. Sie hockten mit Schuhen in des Soldaten Bett. Sozusagen einsatzbereit, wie es sich gehört. Man hörte nur das Klicken der kleinen schwarzen Geräte in ihren Händen. Sie spielten stumm gegeneinander.

Nach nur drei Tagen wurde Jens entlassen. Er orderte in harschem Ton einen Wagen heran. Und nahm noch den gesamten Vorrat an Gummihandschuhen aus einem Behälter an der Wand mit.

„Gar nicht deine Größe“, sagte Bernd streng und drehte sich ruckartig zur Wand.

„Dafür reicht es. Konny kackt so viel in den Innenhof. Riesenhaufen. Die müssen weg. Wir sind für Reinlichkeit.“

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ISBN: 978-3-86785-174-9

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